Leseprobe

Auf dem Heimweg von einem lustigen Halloween-Abend mit seinen Freunden wird Nico von einem unheimlichen grauen Nebel umhüllt, der ihn in ein Gespenst verwandelt.
Von Lollo, einem Gespenstermädchen, das ihn in die Welt der Geister einführen soll, erfährt Nico, dass er für immer ein Gespenst bleiben wird, sollte es ihm nicht gelingen, sich vor Sonnenaufgang wieder in einen Menschen zu verwandeln. Nico bleiben nur die 12 Stunden der Nacht, um diese scheinbar unmögliche Aufgabe zu bewältigen ...

21 Uhr

Nico kannte den Waldfriedhof. Seine Großeltern waren hier beerdigt und in den vergangenen Jahren hatte er ihr Grab immer wieder besucht. Er fand Friedhöfe eigentlich nicht gruselig. Eher traurig. Mit all den verstorbenen Menschen, die dort ihre letzte Ruhe gefunden hatten, und all den Tränen, die für sie vergossen wurden. Bisher hatte er sich nie ernsthafte Gedanken dazu gemacht, ob es auf Friedhöfen spukt. Im hellen Tageslicht schien diese Vorstellung auch fast lächerlich. Aber einen Friedhof bei Nacht zu betreten, war etwas vollkommen anderes ...
"Du musst lernen zu schweben", holte ihn Lollo aus seinen Gedanken zurück. "Ich habe keine Lust, dich ständig herumzutragen. Also pass auf, ich zeig es dir. Ist ganz einfach. Du musst dich nur darauf konzentrieren, wo du hin willst."
Ganz langsam hob sich Lollo ein paar Zentimeter in die Höhe und schwebte leicht wie eine Feder von Nico weg. Einige Meter entfernt von ihm drehte sie sich um und rief: "Los, jetzt du Icon. Es ist wirklich total einfach."
Icon! Wie sollte er sich jemals an diesen bescheuerten Namen gewöhnen. Und wie sollte er jemals schweben. Mürrisch und ohne großes Zutrauen in die ganze Sache, versuchte Nico sich zu konzentrieren. Zuerst einmal passierte gar nichts. Aber etwas anderes hatte er auch nicht ernsthaft erwartet.
"Denk nur daran, wo du hin willst", drängte Lollo ungeduldig.
Nico unternahm einen zweiten Versuch. So intensiv er konnte, stellte er sich vor, vom Boden abzuheben. Einfach hinaufzufliegen. Zum Mond. Zu den Sternen. Völlig unerwartet durchlief ihn ein leichtes Kribbeln. Es fing in seiner Kopfhaut an, breitete sich über die Arme und den Rumpf aus und erreichte schließlich seine Beine. Während Nico ungläubig auf seine Zehen starrte, die sich plötzlich nach oben bogen, erkannte er gleichzeitig, dass sich der Boden unter seinen Füßen langsam entfernte. Er schwebte! Aber nicht in Richtung Lollo, sondern wie in einem unsichtbaren Fahrstuhl einfach nach oben. Mond und Sternen entgegen, so wie er es sich vorgestellt hatte.
"Juhuuuuu!", brüllte er begeistert und streckte seine Arme in den Himmel. "Ich fliege!"
Staunend blickte er auf den Park herab, über dessen Baumwipfeln er jetzt schwebte. Von hier oben sah das verfallene A-F-Ü-B Gebäude noch erbärmlicher aus. Und das Gewusel der Gespenster in seinem Innern erinnerte an eine Horde aufgescheuchter Zombie-Ameisen.
Immer höher und höher stieg Nico empor. Schon bald war Lollo nur noch ein winziger winkender Punkt weit unter ihm.
"Es reicht. Komm zurück!", hörte er ihre Stimme aus weiter Ferne.
Ja, es reichte tatsächlich. Inzwischen war er nämlich ziemlich hoch. Verdammt hoch sogar.
Schlagartig überfiel ihn Panik. Mit wilden Zuckungen versuchte er seinen Himmelflug zu stoppen. Doch je hektischer Nico wurde, umso schneller stieg er in die bleigraue Unendlichkeit hinauf.
Während er noch fieberhaft überlegte, was er tun sollte, geschah das nächste Unglück. Etwas Dunkles schoss mit unglaublicher Geschwindigkeit auf Nico zu.
"Huiiiiiiii!", kreischte es schrill. "Verpiss dich, du Idiot!" Dann krachten sie auch schon aufeinander.
Wie ein Luftballon, aus dem plötzlich alle Luft entweicht, wurde Nico durch die Luft geschleudert. Er überschlug sich abwechselnd in wilden Loopings, drehte sich einem verrückter Kreisel gleich um die eigene Achse oder wirbelte rauf und runter wie in einer Achterbahn. Neben ihm trudelte sein Unfallgegner in die Tiefe. Er sah aus wie ein bleicher, zerrupfter Geier, dessen schwarze Augen voller Zorn sprühten. Durch wildes Flügelschlagen gelang es ihm, seinen Sturz abzufangen. Kurz darauf war er lauthals schimpfend im Dämmerlicht verschwunden.
Nico dagegen befand sich nun im freien Fall dem Boden entgegen. Jeder Versuch, sich zu konzentrieren und den Sturz abzufangen, wurde von der Angst zunichte gemacht, die ihn ergriffen hatte. Schließlich gab er auf, schloss die Augen und wartete auf den unvermeidlichen Aufprall.
Konnten sich Gespenster die Knochen brechen? Als er dann endlich auf den Rasen knallte, fühlte es sich vollkommen anders an, als er erwartet und befürchtet hatte. Er spürte absolut keinen Schmerz. Nichts. Als er den Mut fand, seine Augen wieder zu öffnen, musste er feststellen, dass sein Körper merkwürdig verformt wirkte. Die Beine waren nur noch halb so lang wie zuvor, die Arme ineinander verknotet und der Kopf schaute nach hinten. Vorsichtig begann Nico sich zu strecken und zu dehnen. Es gluckste und blubberte unangenehm in seinem Körper, doch schließlich hatten alle Körperteile wieder ihre normale Form und Position.
"Das war ja eine tolle Flugnummer", staunte Lollo beeindruckt. "Für einen Anfänger echt spitze."
‚Sie denkt tatsächlich, dies alles war geplant', erkannte Nico verdutzt. "Ach, halb so wild", winkte er lässig ab. Sollte sie ruhig in dem Glauben bleiben, er sei ein perfekter Luftakrobat.
"Nun lass uns aber endlich zum Waldfriedhof aufbrechen", bestimmte Lollo energisch und schwebte los. Nico folgte ihr so schnell er konnte. Zu Beginn bewegte er sich noch in einem schlingernden Zickzackkurs vorwärts, doch mit der Zeit bekam er ein immer besseres Gefühl für die Sache. Und schließlich fand er das Ganze nur noch cool.
Schon bald hatten sie den Park verlassen und flogen nebeneinander durch die nächtlichen Straßen.
"Können wir nicht kurz bei mir zu Hause vorbeischauen?", schlug Nico vor und wich geschickt einem entgegenkommenden Gespensterhund aus.
"Keine gute Idee", wehrte seine Begleiterin ab. "Das ist nicht mehr dein Zuhause. Damit musst du dich abfinden. Und je schneller du es machst, umso besser für dich. Außerdem gibt es vor Sonnaufgang noch einiges zu erledigen."
"Ach, komm schon. Es ist doch nur ein winziger Umweg."
"Meinetwegen", seufzte Lollo leicht genervt und bog in eine Seitenstraße ab.
Schon von Weitem sah Nico, dass sein Haus hell erleuchtet war. In allen Zimmern brannten Lampen. Niemand hatte daran gedacht, die Rollläden herunter zu lassen. Durch die große Terrassentür konnte man bequem das ganze Wohnzimmer überblicken. Sein Vater lief aufgeregt hin und her, den Telefonhörer an sein Ohr gedrückt. Er schien wütend und besorgt zugleich. Mutter stand wie erstarrt mitten im Raum und wirkte so hilflos und verlassen, dass es Nico vor Schmerz die Kehle zuschnürte. Am schlimmsten jedoch traf ihn Lisas Anblick. Eigentlich hätte sie längst im Bett sein müssen. Stattdessen kauerte sie in ihrem rosa Blümchennachthemd in einem der Sessel. Sie hielt Zimbi ganz fest an sich gedrückt, als könne der kleine Hund ihr Halt und Trost geben. Ihr Gesicht war bleich, die Augen gerötet. Tränen liefen über ihre Wangen.
Genau in diesem Augenblick fing Nico endlich an zu begreifen. Dies alles war kein Traum. Etwas Schreckliches war mit ihm geschehen. Er wusste nicht warum und wie es hatte passieren können, nur eines war ihm klar: Er wollte wieder zurück in seine Welt. Zu seinen Eltern, seiner nervigen kleinen Schwester und zu seinen Freunden.
Er musste einen Weg finden. Egal wie.
Nico spürte, wie Lollo ihn ungewohnt sanft berührte. "Komm, Icon. Lass uns gehen. Das alles macht dich nur traurig. Glaub mir, es wird mit der Zeit besser werden. Und eines Tages wirst du all diese Menschen vergessen haben." Nico schüttelte den Kopf. Niemals würde er sie vergessen, das wusste er. Niemals würde er sich einfach seinem Schicksal ergeben.
Angefüllt mit wehmütigen Gedanken folgte er Lollo durch die Stadt. Immer schneller flogen sie dahin und Nico war überrascht in welch kurzer Zeit sie den Waldfriedhof erreichten. Sie schwebten über das wuchtige schmiedeeiserne Tor, das um diese Stunde längst verschlossen war. Der Friedhof lag einsam und verlassen vor ihnen. Von seinen Besuchen am Grab der Großeltern kannte Nico den neuen Teil. Die Gräber waren hier zwischen mächtigen alten Bäumen angelegt, die im Sommer erfrischenden Schatten spendeten. Den alten Friedhof dagegen hatte er noch nie betreten. Er befand sich abseits, am äußeren Rand der Anlage, direkt neben einer kleinen Backsteinkapelle. Hier gab es nur wenige Einzelgräber, dafür umso mehr Grüfte. Die meisten von ihnen befanden sich schon seit vielen Generationen im Besitz alteingesessener Familien.
Genau dorthin führte ihn Lollo.
Anders als der neue, wirkte dieser Teil des Friedhofs ziemlich verwahrlost. Niemand schien sich um die Gräber zu kümmern. Die Grabsteine waren verwittert und teilweise so stark bemoost, dass man die Namen der Verstorbenen kaum noch entziffern konnte. Manche der Steine und Kreuze standen derart schief, dass man fürchten musste, der kleinste Windhauch könne sie umwerfen. Die spärliche Bepflanzung auf den Gräbern war verdorrt oder von Unkraut überwuchert. Unkraut beherrschte auch den Bereich, in dem die Grüfte lagen. Dicht an dicht reihten sich dort kleine Gebäude mit flachen Dächern und schmalen vergitterten Eingängen.
"Bevor wir zu deiner Gruft gehen, zeige ich dir noch schnell wo ich wohne", schlug Lollo vor. "Falls du mal mit deinem Mitbewohner Probleme hast, kannst du mich gerne jederzeit besuchen."
Sie führte Nico zu einem der Häuschen. Laut dem Wappen, das an der Mauer angebracht war, gehörte es einer Familie Ottenfeld. Bevor Nico sich versah, hatte Lollo das Eisengitter durchdrungen und war im Innern der Gruft verschwunden. Er blieb allein zurück. Nachtgetier huschte raschelnd über trockene Blätterhaufen. Ein Käuzchen rief klagend. Nico glaubte ein heiseres Lachen zu hören. Und plötzlich hatte er es sehr eilig, Lollo zu folgen.
Das Durchdringen des Gitters fühle sich noch merkwürdiger an als das Durchdringen von Holz. Die Eisenstäbe kitzelten unangenehm und an den rostigen Stellen kratzten sie sogar. Außerdem quietsche das Tor leise in den Angeln, als Nico sich dagegen stemmte. Nur gut, dass zu dieser späten Stunde kein Mensch in den Nähe war.
Im Innern der Gruft roch es feucht und modrig. Von den Mauern, deren Putz an vielen Stellen abbröckelte, hingen klebrige Spinnweben herab. In zwei dunklen Nischen erkannte Nico mehrere staubbedeckte Särge.
Auf einem dieser Särge hockte Lollo und begrüßte ihn stolz: "Gemütlich hier, findest du nicht auch?"
"Also, ich weiß nicht", meinte Nico zweifelnd. "Gemütlich ist für mich was anderes. Wozu brauchen Gespenster denn überhaupt eine Wohnung?"
"Du hast doch das Gewusel da draußen gesehen", stöhnte Lollo. "Manchmal tut es richtig gut, allein zu sein. Man kann ein wenig träumen. Oder lesen. Oder Musik machen. Was immer man will. Außerdem wird hier die Post abgeliefert."
"Lesen? Musik? Post?", staunte Nico ungläubig.
"Klar. Denkst du, wir laufen die ganze Nacht nur rum und machen Buuuuhhh? Und tagsüber brauchen wir auf jeden Fall einen Platz, an dem wir vor dem Sonnenlicht geschützt sind. Das ist einer der Punkte, die du noch lernen musst. Du darfst dich niemals dem Sonnenlicht aussetzen. Ansonsten kann es passieren, dass du schmilzt und dich in Gespensterbrühe verwandelst."
"Gespensterbrühe?", wiederholte Nico verdattert und kam sich allmählich wie ein hirnloser Papagei vor.
"Ja, Gespensterbrühe", bestätigte Lollo und schüttelte sich. "Du siehst, es gibt wirklich einiges, das du noch wissen musst. Am besten fangen wir gleich mit deiner Einweisung an. Bis Sonnenaufgang muss alles erledigt sein. Komm setz dich zu mir." Nico schwebte zu Lollo und machte es sich neben ihr auf dem Sarg bequem.
"Was habt ihr nur immer alle mit dem Sonnenaufgang?", hakte er neugierig nach.
"Ganz einfach", belehrte ihn Lollo. "Du bist zwar schon registriert, aber erst nach deinem ersten Sonnenaufgang bist du ein richtiges Gespenst. Mit allen Rechten und Pflichten. Und bis dahin musst du alle Regeln und Gefahren kennen, denn sonst kann es passieren, dass du einen Fehler machst und den nächsten Tag nicht überstehst. Wie ich schon sagte: Gespensterbrühe."
"Hm ... wenn ich vor dem ersten Sonnenaufgang noch kein richtiges Gespenst bin, bedeutet das dann, dass ich in dieser Zeit wieder ein ... hm ... Mensch werden könnte?", fragte Nico vorsichtig.
Lollo überlegte angestrengt bevor sie antwortete: "Kann schon sein. Aber ich habe noch nie davon gehört, dass so etwas passiert ist. Schlag dir das also gleich mal aus dem Kopf."
"Aber ich will kein Gespenst sein", rief Nico so heftig, dass Lollo zusammenzuckte. "Ich will wieder nach Hause zu meiner Familie und zu meinen Freunden. Lollo, du musst mir dabei helfen!"
"Das ist doch Unsinn, Icon. Warum willst du wieder ein Mensch werden, wo es so viel lustiger und interessanter ist, ein Gespenst zu sein."
Ohne auf weitere Einwände zu warten schwebte Lollo durch das Gitter nach draußen. Nico folgte ihr, selbst überrascht davon, wie sicher er dies alles inzwischen beherrschte. Nur einen Katzensprung entfernt befand sich die Gruft Nummer 13. Sein neues Zuhause.
Sie war deutlich größer als Lollos Wohnsitz. Das mächtige zweiflüglige Gitter vor dem Eingang war durch eine massive Eisenkette und ein schweres Schloss gesichert. Aber für Gespenster stellte dies natürlich keinerlei Hindernis dar.
"Meinst du, mein Mitbewohner ist zu Hause?", fragte Niko ein wenig nervös.
"Das Igittigitt ist immer zu Hause. Es hat keine Freunde und verkriecht sich nur in seine Bücher. Warte ab, bis du es kennen lernst. Dann wirst du alles verstehen."
Gemeinsam durchdrangen sie das Gitter und schwebten ins Innere der Gruft. Im selben Augenblick schlug Nico ein unglaublich übler Gestank entgegen.
Und dann überstürzten sich die Ereignisse ...

 


zurück zur Bücherübersicht oder zur Startseite