Die verlorene Zeit

11. Fortsetzung von Sarah
Auf einmal standen Mike und Babs auf kaltem, feuchten Erdboden, dessen unnatürliche Feuchtigkeit sogar durch die Schuhe drang. Dunkelheit umhüllte sie und irgendwo schlug eine Uhr. Mitternacht.
"Komisch", meinte Babs. "Es ist doch erst halb sieben!"
"Wahrscheinlich ist es in dieser Welt immer Mitternacht", vermutete sie dann. Aber ihre Stimme verstummte plötzlich und sie stieß Mike an. Dieser folgte mit seinen Augen der Richtung, in die Babs' zitternder Finger wies.
Eine vermummte Gestalt war da, und sie eilte auf ein Gebäude zu, das die beiden zuvor gar nicht bemerkt hatten. Plötzlich war sie verschwunden, ohne dabei eine Tür zu öffnen.
"Los, hinterher!", zischte Mike und beide sprinteten los. Je näher sie kamen, um so deutlicher erkannten sie, dass es sich hier um eine Gruft handelte.
"Sollen wir da wirklich rein gehen?", zweifelte Babs. Doch statt einer Antwort zog Mike die schwere Tür auf und trat ein. Babs folgte und hinter ihnen fiel die Tür mit einem dumpfen Knall ins Schloss, der sie beide zusammenschrecken ließ. Die zwei standen vor einem Marmoraltar, der von zwei Kerzen nur notdürftig erleuchtet war.
"Und jetzt?", überlegte Mike halblaut.
"Schschscht! Ich denke nach!", fuhr Babs ihn ärgerlich an. Stirnrunzelnd trat sie näher an den Altar, wobei sie murmelte: "In Gräbern und Grüften voll Schauder und Schrecken, könnt ihr ihre grässlichen Fratzen entdecken. Das ist es!", stieß sie schließlich hervor. "Mike, welche Fratze hier ist am grässlichsten?", wollte sie wissen und deutete auf die Reihe hässlicher Gesichter, die in den Stein des Altars gemeißelt war.
Ohne zu zögern zeigte Mike auf eine Maske, die mit hervorquellenden Augen und weit herausgestreckter Zunge wirklich gruselig aussah.
"Die elfte Fratze in der Reihe, natürlich", bemerkte Babs. "Und daneben das Symbol des Todes, ein Kreuz."
"Mit den riesigen Nasenlöchern sieht sie aus wie ein Stier", kicherte Mike leicht nervös und steckte seine Finger in die beiden Nasenöffnungen. Im Innern des Altars klickte es leise und eine Hälfte davon schwang lautlos zur Seite. In der Höhlung dahinter lag ein schmutziges Stoffbündel, aus dem etwas Silbernes hervorblinkte.
"Aha, hier ist unsere Elf also", bemerkte Babs und griff nach dem Bündel. Sekundenschnell schossen zwei bleiche, fast durchsichtige Arme aus der Rückwand des Altars und packten das Bündel. Mike sprang geistesgegenwärtig vor und entriss den Händen das Bündel.
Und in einem Wirbel aus Staub kamen Babs und Mike in die alte Hütte zurück ...

Überleitung von Astrid Nagel :

Hustend wischte sich Mike den Staub von den Kleidern. Mit spitzen Fingern öffnete er das schmutzige Stoffbündel, das er in letzter Sekunde vor den bleichen Armen hatte retten können. Ein scheußlicher Gestank nach feuchtem Moder stieg daraus empor und legte sich wie ein Todeshauch über die Dachkammer.
"Das stinkt vielleicht bestialisch", stöhnte Mike angewidert. "Aber immerhin steckt die Ziffer 11 in diesem Pestbeutel - und noch etwas anderes." Überrascht zog er zwei weitere Gegenstände hervor: Ein schwarzes Kreuz und eine schwarze Maske, deren grässliche Fratze mit den hervorquellenden Augen derjenigen ähnelte, die sie soeben noch am Marmoraltar gesehen hatten.
"Symbole des Todes", hauchte Babs und wich unwillkürlich einen Schritt zurück.
"Super, dann haben wir es ja fast geschafft", freute sich Mike. "Jetzt fehlt nur noch ein Symbol für das Glück. Was damit wohl gemeint ist? Vielleicht sollten wir dazu lieber nochmals den Zeitkristall befragen."
Erwartungsvoll weckten sie ihren Ratgeber, der sofort mit eindringlichen Worten auf sie einsprach:
"Der Böse kommt näher, ihr müsst euch beeilen,
es bleibt keine Zeit mehr, um lang zu verweilen.
Drum reist in die zwölfte der Welten sofort -
es ist ein gar schrecklicher, trauriger Ort,
denn hier herrschen Missgunst, Hass und Neid,
Zwietracht und Habgier, mit Kummer und Leid.
Das Schönste und Größte, das sie einst besessen,
das haben die Menschen dort alle vergessen:
Ein Leben in Frieden, in Freude und Glück.
Sie haben zerstört dies - Stück für Stück.
Auf immer und ewig sind sie drum verloren,
doch hat euch das Schicksal als Retter erkoren:
Schafft ihr es, nur einen dort glücklich zu machen,
erlöst ihr das Volk und das Glück wird erwachen."
"Wenn die Bewohner dort so schrecklich sind", überlegte Babs, "wie sollen wir es dann nur schaffen, einen von ihnen glücklich zu machen?"
"Mich könnte man momentan schon mit einem großen Stück Salamipizza glücklich machen", murmelte Mike auf dem Weg zum Spiegel. "Langsam haben ich nämlich einen Bärenhunger."
"Und ich wäre glücklich, wenn ich meine Violet wieder bei mir hätte", seufzte Schillerauge sehnsüchtig.
"Ich sehe schon, ihr beide seid leicht glücklich zu machen", lachte Babs. "Aber ich bezweifle, dass dies bei den Bewohnern der 12. Welt auch so einfach gelingen wird. Außerdem müssen wir ja auch noch ein Symbol für dieses Glück mitbringen."
Selbst gespannt, wie sie diese schwierige Aufgabe lösen würden, berührten Babs und Mike den Stein und ließen sich vom magischen Strudel zu ihrem letzten Abenteuer entführen ...
 













                     





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